Ordnung und Psyche: Wie beeinflusst Unordnung unser Wohlbefinden?

Du kommst nach Hause. Auf dem Küchentisch liegt noch die Post, im Flur stehen die Taschen vom Wochenende und auf dem Stuhl im Schlafzimmer wächst der Kleiderstapel.
Eigentlich möchtest Du Feierabend machen.
Aber Dein Zuhause erinnert Dich ziemlich zuverlässig daran, was Du noch alles erledigen, wegräumen, entscheiden oder endlich mal ausmisten wolltest.
Unordnung kann anstrengend sein.
Aber bedeutet das im Umkehrschluss, dass ein ordentliches Zuhause automatisch gut für die Psyche ist?
So einfach ist es nicht.

Denn auch der Gedanke „Bei mir müsste es doch eigentlich ordentlicher sein“ kann Druck erzeugen. Gerade dann, wenn Ordnung zu einem Maßstab dafür wird, ob wir unseren Alltag vermeintlich gut im Griff haben.
In meiner Arbeit als Ordnungscoach erlebe ich beides: Frauen, die sich durch die vielen Dinge und die ständige Unordnung belastet fühlen – und Frauen, die sich zusätzlich dafür verurteilen, dass sie es einfach nicht schaffen, dauerhaft Ordnung zu halten.
Dabei geht es bei einer guten Grundordnung für mich um etwas ganz anderes.
Die kurze Antwort:
Wie hängen Ordnung und Psyche zusammen?
Ordnung tut der Psyche nicht deshalb gut, weil ein ordentliches Zuhause einer gesellschaftlichen Norm entspricht.
Sie kann entlasten, wenn sie den Alltag strukturierter und einfacher macht: Dinge haben ihren Platz, wir müssen weniger suchen und nicht ständig neu entscheiden, wohin etwas gehört.
Gleichzeitig kann der Anspruch, immer ordentlich sein zu müssen, selbst Stress, Scham und Selbstvorwürfe auslösen.
Deshalb geht es nicht darum, möglichst ordentlich zu wohnen. Sondern darum, herauszufinden, wie viel Ordnung Dir und Deinem Alltag tatsächlich guttut.
Denn Ordnung und Unordnung können auf ganz unterschiedliche Weise beeinflussen, wie wir uns zu Hause fühlen und wie leicht oder anstrengend unser Alltag für uns ist.
Schauen wir uns deshalb fünf Zusammenhänge etwas genauer an.
5 Arten, wie Ordnung und Unordnung unser Wohlbefinden beeinflussen können
1 - Nicht jede Unordnung belastet gleich
Wann wird Unordnung eigentlich zur Belastung?
Interessanterweise lässt sich das nicht einfach daran festmachen, wie viele Dinge herumliegen oder wie ordentlich eine Wohnung von außen betrachtet aussieht.
Eine Studie mit 1.111 Erwachsenen zeigte einen Zusammenhang zwischen Unordnung im eigenen Zuhause und dem persönlichen Wohlbefinden. Besonders interessant: Entscheidend war dabei vor allem, wie unordentlich die Menschen ihr Zuhause selbst empfanden – nicht nur, wie viel Unordnung objektiv vorhanden war. ScienceDirect
Das passt sehr gut zu dem, was ich in meiner Arbeit als Ordnungscoach erlebe.
Was für die eine Person gemütlich und belebt aussieht, ist für die andere schon viel zu viel. Die eine stört sich überhaupt nicht am Kleiderstapel auf dem Stuhl, während die andere jedes Mal genervt hinschaut, wenn sie daran vorbeigeht.
Deshalb gibt es für mich auch keine objektive Grenze, ab der ein Zuhause „zu unordentlich“ ist.
Entscheidender ist eine andere Frage:
Belastet Dich Deine Unordnung in Deinem Alltag?
Suchst Du ständig Dinge? Kannst Du bestimmte Flächen oder Räume nicht so nutzen, wie Du möchtest? Schiebst Du Entscheidungen immer wieder vor Dir her? Oder fühlst Du Dich in Deinem eigenen Zuhause einfach nicht mehr richtig wohl?
Dann lohnt es sich, etwas zu verändern.
2 - Grundordnung kann den Alltag einfacher machen
Eine gute Grundordnung sorgt nicht dafür, dass es bei Dir immer ordentlich aussieht.
Und das muss sie auch gar nicht.
Für mich zeigt sich eine funktionierende Ordnung an etwas anderem: Du musst im Alltag weniger über Deine Dinge nachdenken.
Wenn Deine Sachen feste und sinnvolle Plätze haben, weißt Du, wo Du sie findest – und auch, wohin sie wieder zurückgehören. Du musst nicht jedes Mal neu überlegen, wo Du die Schere hinlegst, wo die Unterlagen vom letzten Arztbesuch sind oder in welcher Schublade eigentlich die Ersatzbatterien liegen.
Genau das erlebe ich auch bei meinen Kundinnen. Nach dem Ausmisten und dem Schaffen einer Grundordnung berichten sie mir häufig, dass sie sich ruhiger und zufriedener fühlen – und dass ihnen Entscheidungen leichter fallen.
Es ist nicht plötzlich alles perfekt aufgeräumt, aber weniger Dinge und klare Plätze machen den Alltag übersichtlicher.
Deshalb ist für mich eine gute Ordnung auch kein Selbstzweck.

Ordnung ist dann hilfreich, wenn sie Dir Arbeit abnimmt – nicht, wenn sie Dir neue Arbeit macht.
3 - Ausmisten heißt auch: Entscheidungen treffen
Behalten oder weggeben?
Beim Ausmisten begegnet Dir diese Frage gefühlt hundertmal. Und manchmal hängt an einem einzigen Gegenstand plötzlich eine ganze Geschichte:
Das war teuer.
Das habe ich geschenkt bekommen.
Vielleicht brauche ich es irgendwann noch.
Eigentlich mag ich es gar nicht – aber kann ich es deshalb einfach weggeben?
Deshalb bedeutet Ausmisten für mich auch nicht, möglichst schnell möglichst viele Dinge loszuwerden.
Es bedeutet, immer wieder eine bewusste Entscheidung zu treffen: Passt dieser Gegenstand noch zu mir und meinem Leben – oder nicht?
In meiner Arbeit erlebe ich häufig, dass genau diese Entscheidungen mit der Zeit klarer werden. Meine Kundinnen beginnen besser zu unterscheiden: Was möchte ich wirklich behalten? Was behalte ich aus schlechtem Gewissen? Was aus Gewohnheit? Und was nur, weil ich die Entscheidung bisher immer wieder aufgeschoben habe?
Das verändert nicht automatisch die Entscheidungsfähigkeit in allen Lebensbereichen. Aber beim Ausmisten selbst entsteht mit jeder Entscheidung mehr Klarheit darüber, was bleiben darf – und warum.
Und genau diese Klarheit kann ebenfalls entlasten.

Denn Ausmisten bedeutet nicht nur, weniger Dinge zu besitzen. Es bedeutet auch, weniger ungeklärte Entscheidungen mit sich herumzutragen.
4 - Ordnung kann entlasten – Perfektion dagegen Druck machen
Wenn Ordnung den Alltag einfacher machen kann, könnte man daraus schließen: Je ordentlicher, desto besser.
Aber das ist ein trugschluss - und zwar ein ganz gewaltiger.
Ein Zuhause ist kein Ausstellungsraum. Dort wird gekocht, gearbeitet, gespielt, sich umgezogen, etwas angefangen und manchmal auch einfach keine Lust gehabt, die Tasse sofort in die Spülmaschine zu stellen.
Dauerhafte Ordnung bedeutet für mich nicht, dass es immer ordentlich ist.
Problematisch wird es, wenn aus dem Wunsch nach Ordnung ein Anspruch wird: Bei mir müsste es eigentlich immer ordentlich sein. Andere bekommen das doch auch hin. Warum schaffe ich das nicht?
Dann kann genau die Ordnung, die eigentlich entlasten sollte, neuen Druck erzeugen.
In meiner Arbeit geht es daher nicht darum, einen Zustand herzustellen, der anschließend möglichst nicht mehr durcheinandergebracht werden darf. Eine gute Grundordnung darf benutzt werden. Sie darf zwischendurch sichtbar werden. Und sie muss vor allem dazu passen, wie Du tatsächlich lebst – nicht dazu, wie Du glaubst, leben zu müssen.
Das Ziel ist nicht ein Zuhause, das immer ordentlich aussieht.

Das Ziel ist eine Ordnung, zu der Du ohne großen Aufwand wieder zurückfinden kannst.
5 - Selbstvorwürfe schaffen keine Ordnung
„Warum bekomme ich das eigentlich nicht hin?“
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit ziemlich oft.
Viele meiner Kundinnen haben zu diesem Zeitpunkt schon einiges ausprobiert. Sie haben Ordnungstipps gelesen, Systeme eingeführt, Boxen gekauft, aufgeräumt und wieder um- oder ausgeräumt. Und wenn es trotzdem nicht dauerhaft funktioniert, wird irgendwann aus „Meine Ordnung funktioniert nicht“ ein „Mit mir stimmt etwas nicht.“
An diesem Punkt wird Unordnung zu mehr als herumliegende Dinge.
Es kommen Scham und Selbstvorwürfe dazu – und diese innere Stimme, die ziemlich genau zu wissen scheint, dass alle anderen ihr Leben besser im Griff haben.
Ich spreche mit meinen Kundinnen deshalb auch darüber, woher diese innere Stimme kommt – und ob das, was sie uns erzählt, überhaupt stimmt.
Denn Schwierigkeiten mit Ordnung haben nichts damit zu tun, ob Du diszipliniert, erwachsen oder „gut organisiert genug“ bist. Vielleicht besitzt Du zu viele Dinge für den vorhandenen Platz. Vielleicht haben viele davon keinen festen Platz. Vielleicht passt Dein Ordnungssystem überhaupt nicht zu Deinem Alltag. Oder Du hast schlicht nie gelernt, wie Du eine Grundordnung aufbaust, die für Dich funktioniert.
Das sind Probleme, für die sich Lösungen finden lassen.

Selbstvorwürfe sind keine Ordnungsmethode.
Wie viel Ordnung tut mir eigentlich gut?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort.
Du brauchst nicht dieselbe Ordnung wie Deine Freundin, Deine Nachbarin oder die Menschen, deren perfekt sortierte Küchenschubladen Du auf Instagram siehst.
Die entscheidende Frage ist vielmehr: Unterstützt Dich Deine Ordnung in Deinem Alltag – oder beschäftigt sie Dich ständig?
Eine für Dich passende Grundordnung erkennst Du zum Beispiel daran, dass Du die Dinge, die Du regelmäßig brauchst, meistens findest. Dass Du weißt, wohin sie nach der Benutzung zurückgehören. Dass Du Deine Räume so nutzen kannst, wie Du es möchtest. Und dass ein bisschen Alltagschaos nicht gleich bedeutet, dass Du wieder ganz von vorne anfangen musst.
Genauso wichtig ist aber die andere Seite: Du solltest nicht ständig damit beschäftigt sein, Deine Ordnung aufrechtzuerhalten.

Denn Dein Zuhause ist für Dich da – nicht Du für Dein Zuhause.
Genug Ordnung, damit Dein Zuhause Deinen Alltag unterstützt. Aber nicht so viel Ordnung, dass Du Deinen Alltag der Ordnung unterordnen musst.
Vielleicht ist das sogar die bessere Definition eines aufgeräumten Zuhauses: nicht eines, in dem nichts herumliegt, sondern eines, in dem Du Dich zurechtfindest, wohlfühlst und nach unordentlichen Phasen wieder zu Deiner Grundordnung zurückfinden kannst.
Wenn die Unordnung auch im Kopf weitergeht
Wenn also aus „Meine Ordnung funktioniert nicht“ ein „Mit mir stimmt etwas nicht" geworden ist, dann lohnt es sich, nicht nur auf Deine Schränke, Schubladen und herumliegenden Dinge zu schauen – sondern auch auf die Art, wie Du mit Dir selbst darüber sprichst.
Das kannst Du mit meinem Guide „Schluss mit Selbstvorwürfen - mehr Ordnung durch weniger Selbstzweifel“.
Du erfährst, woher diese innere kritische Stimme kommt, warum sie beim Thema Ordnung so hartnäckig sein kann und wie Du anders mit ihr umgehen kannst.
Herzlichst
Andrea
AUFGERÄUMT & EINGERICHTET
Ordnung und Psyche

Über die Autorin
Andrea Kranig ist TÜV-zertifizierter Ordnungscoach und Gründerin von AUFGERÄUMT & EINGERICHTET. Seit 2017 begleitet sie Menschen vor Ort und online dabei, auszumisten, eine funktionierende Grundordnung zu schaffen und Ordnungssysteme zu entwickeln, die im Alltag funktionieren.



